Exkursion nach AVGVSTA TREVERORVM
Landesausstellung „Marc Aurel – Kaiser Feldherr, Philosoph“
Dieses museale Highlight wollten wir uns nicht entgehen lassen und nahmen mit 24 begeisterten Schülerinnen und Schülern der 11. Jahrgangsstufe die lange Zugfahrt in das Rom an der Mosel auf uns. Schließlich hat sich der Wunschtraum Platons erfüllt: Ein Philosoph steht an der Spitze des Staates! In vierzehn Räumen werden das Leben des in Rom geborenen Kindes eines Senators, das Adoptivkaisertum und die Blütezeit des Imperiums entfaltet. Erziehung, Unterricht, Vorbereitung auf die Regentschaft, Krisen und Kriege, Regierungsprinzipien und Philosophie sind weitere Schwerpunkte. Auch seine Notizen über die Reflexionen zur Bewältigung des Lebens werden eingehend thematisiert. Sie enthalten eine Fülle von Anregungen für den Alltag: „Sei heute ein guter Mensch und entscheide dich nicht erst morgen, einer zu werden.“ Ausführlich auch die Sicherung des Imperiums. Kein Kaiser war länger an der Front. Ein römischer Legionärshelm aus dem Rhein, eine germanische Speerspitze mit magischen Symbolen, das Hauptquartier Carnuntum hoch über der Donau. Truppenaufmärsche, Exekutionen, Zerstörung von Siedlungen – die Reaktion Roms auf die Stürmung der Grenze und Plünderungszüge der Barbaren. Der in Stein gemeißelte Krieg ist im Original auf der fast 40 Meter hohen Marcussäule in Rom zu sehen – in Trier konnten photographische Reproduktionen auf Augenhöhe studiert werden. Wertvolle Exponate aus den Schatzkammern Europas ziehen die vielen Besucher in den Bann. Etwa ein sehr gut erhaltener Sarkophag aus dem Louvre, der den Alltag aristokratischer Kinder abbildet. Kostbare Portraitbüsten aus Rom, London, Kopenhagen. Am Ende der Ausstellung noch eine besondere Begegnung mit der Togastatue des Kaisers aus dem British Museum: „Cedant arma togae“ – Die Waffen sollen der Toga weichen, dichtete Cicero. Friedlich und gelöst ist nun der Blick. Ganz philosophischer Staatsmann. Wie viele von seinen 19 Regierungsjahren durfte er das sein?
In der zweiten Ausstellung im Simeonstift werden wir mit Herrschertugenden und Vorstellungen von Herrschaft konfrontiert. Die Allegorie der guten und schlechten Herrschaft auf der riesigen Farbkopie eines berühmten Freskos aus dem Palazzo Pubblico in Siena. Schlechte Herrschaft arbeitet mit Angst, Panikmache, Verrat, Falschheit und Spaltung. Die krasse Antithese zu den Reflexionen Marc Aurels. Die reiche Rezeption zum Philosophenkaiser und seinen Selbstbetrachtungen ist faszinierend: Ein Fragment der ältesten Überlieferung in griechischer Sprache und das Original der in Zürich erstmalig gedruckten lateinischen Übersetzung. Die alte Textausgabe vom Alfred Kröner Verlag, die der 15-jährige Helmut Schmidt zur Konfirmation geschenkt bekam. Als Soldat nahm er die Selbstbetrachtungen als Tornisterbuch an die Ostfront mit. Marc Aurel wurde zu einem der Vorbilder des verstorbenen Altbundeskanzlers. Der Preußenkönig Friedrich der Große, der sich als „roi philosophe“ verstand, erklärte Marc Aurel zu seinem Vorbild. Auch in der Neuen Welt avancierte der Philosophenkaiser zu einer festen Größe. Bill Clinton gestand, das Buch alle paar Jahre zu lesen. Bei noch offenen Fragen zu Marc Aurel konnte man am Ende der Ausstellung sich an eine KI-Installation wenden. Die von künstlicher Intelligenz gesteuerte und 3-D-animierte Kaiserbüste beantwortete im Zweiminutentakt Fragen zu Putin, Kriegselend oder zur Wirkung opiathaltiger Medikamente, die der berühmte Gladiatorenarzt Galen dem Kaiser verabreichte.
Letzter Höhepunkt des „Marc-Aurel-Tages“ war eine Erlebnisführung durch das stolzeste Exponat der Stadt Trier: Die gut 29 Meter hohe und aus 3500 Steinquadern bestehende Porta Nigra. Das gigantische Bauprojekt, zu dem drei weitere Tore und eine 6,4 km lange Stadtmauer gehörten, musste der Kaiser gewiss genehmigen. Er persönlich war wohl nie in Augusta Treverorum. Diese Baumaßnahme spiegelt einerseits die erste Blütezeit der von Augustus gegründeten Stadt wider, zeigt aber andererseits, dass die Sicherheit bedroht war. Einen Abglanz der größten Blütezeit der Römerstadt erlebten wir bei der Besichtigung der konstantinischen Palastaula. – Etwa 100 Jahre nach Marc Aurel war Trier mit seinen bis zu 80000 Einwohnern kaiserliche Residenzstadt geworden und benötigte eine repräsentative Audienzhalle imperialer Größe.
Am letzten Tag unserer Bildungsreise suchten wir noch den Dom mit seinem kunstvollen Kreuzgang auf. Er markiert die Zeitenwende. Während Marc Aurel noch an die Götter Roms glaubte und sie ehrte, ließ Konstantin der Große zwischen 310 und 320 eine christliche Basilika errichten. Diese wurde weitergebaut zum majestätischen Dom von Trier. Er ist die älteste Bischofskirche Deutschlands.
Auch Kaiser können irren. Marc Aurel, der persönlich und politisch mit schwerwiegenden Krisen konfrontiert war und deshalb manchmal seinen Optimismus verlor, dachte, dass er von der Nachwelt vergessen werde. Dabei reitet er unsterblich auf dem Kapitol der ewigen Stadt den Besuchern entgegen und entbietet seinen Gruß.
Das gewaltige Weltreich der Römer konnte den Stürmen der Völkerwanderung nicht standhalten. Das unerbittliche Schicksal, so würde es ein stoischer Philosoph formulieren, bestimmte seinen Untergang. Doch die Literatur dieser seltenen Lichtgestalt unter den Kaisern Roms hat überlebt. Die sogenannten Selbstbetrachtungen sind sogar zu einem Klassiker der Weltliteratur geworden. Kein Jota ihrer Aktualität haben sie verloren. Die unter Bedrängnis im Militärlager geschriebenen Zeilen sind, um es mit Thukydides zu sagen, ein Besitztum für immer.
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